Schlägerei vor einem schicken Lokal | Clint geht unter Menschen

Clint schiebt eine Schicht als Tellerwäscher. Das kann nur in roher Gewalt ausarten...

Ich habe mal wieder Dienst mit Jordan. Jordan kommt aus Bulgarien und arbeitet schon seit sieben Jahren als Tellerwäscher. Er ist in Sofia aufgewachsen und hat sich als junges Ding auf der Straße durchschlagen müssen. Draußen veranstalten sie irgendein Buffet für dreihundert Fettschweine und irgendwer hat das Besteck falsch kalkuliert. Wir sind schon seit Stunden mit Polieren beschäftigt. Kaum haben wir eine Ladung fertig, kommt sie wieder schmutzig zurück.

„Erzähl doch mal was“, sag ich zu ihm.
„Was soll ich erzählen?“
„Keine Ahnung.  Irgendwas aus deiner Jugend.“
„Schlechte Jugend. Schlimme Sachen. Hab ich schwarze Seele, mein Freund.“
„Hast du dich oft geprügelt?“
„Oh ja, oft geprügelt.“
„Na, erzähl. Zier dich nicht so.“
Jordan kippt eine neue Kiste mit Gabeln vor uns aus und greift sich ein paar.
„Na gut“, fängt er an. „Einmal, ja? Kommt so ein kleine Arschloch. Ein Zigeuner, weißt du? Er muss sich beweisen vor seine Brüder. Er kommt mit eine Messer zu mir und will mich stechen, haha!“
Er macht wilde Stechbewegungen.

"Ich steche in seine Arschbacke und drehe die Klinge."

„Und ich fange die Klinge mit meine Hand, so. Und halte sie und mache eine Faust und schlage ihn. Meine ganze Hand bluten, weil die Messer schneidet mich, aber ich schlage immer weiter in die Gesicht von die Arschloch, haha! Kuckst du!“
Er zeigt mir die Narben.
„Dann er ist k.o. Ich nehme ihn und steche in seine Arschbacke.“
„Aua“, sag ich.
„Ja, aua, haha! Ich drehe die Klinge. Dann ich steche in die andere Backe und drehe die Klinge. Er wacht auf und schreien. Ich nehme ihn und gehe in Straßenbahn. Alles voll Blut aus meine Hand und sein Arsch.“
„Du bist verrückt.“
„Haha“, lacht er. „Er wollte immer wegrennen, aber ich habe ihn geschlagen auf den Kopf. Dann ich bring ihn in Krankenhaus. Am nächsten Tag kommen seine Brüder. Ganze Familie!“
„Und dann?“
„Ich geh raus. Niemand kommt in mein Haus, verstehst du? Aber die Brüder kommen und sagen danke. Haha! Weil ich ihre Bruder hab gebracht in Krankenhaus. Von da an sie lassen mich in Ruhe. Blöde Zigeuner. Arschlöcher, haha!“

In dem Moment kommt der Serviceleiter durch die Schwingtüren und sieht uns da stehen.
„Kommt, Kinder, nicht so viel Scheiße quatschen. Wir brauchen Besteck. Und macht bloß ordentlich. In der letzten Ladung waren bestimmt fünfzehn dreckige Messer.“
Jordan zwinkert mir zu.
„Und was haben deine Eltern dazu gesagt?“, frag ich, als der Arsch wieder weg ist.
„Oh, sie waren nicht da. Wohnen nicht in Sofia. Sie fangen Fische. Für Kaviar, weißt du? Beluga, in Schwarze Meer. Mein Vater ist gute Fischer. Sehr schwer, zu fangen Beluga, und sehr gefährlich. Wenn mein Vater fängt eine, er kann leben ein halbes Jahr.“
„So?“
„Ja! Er schneidet die Fisch in die Bauch, hier.“ Er zeigt es mir. „Dann er nehmen die Kaviar. Viele, drei, vier Kilo. Dann er näht die Bauch wieder zu und wirft Fisch zurück in Meer.“
„Und der überlebt das?“
„Oh ja! Aber keine Kinder mehr, haha! Aber!“
Jordan macht ein ernstes Gesicht.

„An einem Tag kommen Russen zu mein Vater. Russische Arschlöcher. Sie sagen ihm: Wir nehmen deine Sachen, ähm… wie heißt? Ausrusten?“
„Ausrüstung.“
„Ja, Ausrüstung. Wir nehmen dein Ausrüstung und deine Hütte. Du kriegen zehntausend Euro.“
„Und?“, frag ich. „Hat er’s gemacht?“
„Oh ja. Zehntausend viel zu wenig. Aber wenn er nicht nehmen, er verschwindet.“
„Wieso?“
„Die Russen sind Mafia. Arschlöcher. Sie kaufen alle Ausrüstung, damit niemand fangen Beluga. Mein Vater nehmen Geld, oder sie schneiden sein Kehle.“
Er fährt mit einem Daumen über meinen Hals. Ich mag diese Dienste mit Jordan. Und er mag mich.

„Clint, mein Bruder“, sagt er immer. „Wenn du hast Streit in Berlin, ruf mich an. Ich kümmere mich. Glaubst du?“
„Ja, glaub ich dir. Werd’s mir merken.“
„Wenn du hast einen Feind hier, ich kann machen, dass er weg kommt.“
„Alles klar.“
„Hast du einen Feind?“
„Nein, im Moment nicht.“
„Wenn du einen hast, er kommt weg. Ja?“
„Is gut.“

Er lacht und klopft mir auf die Schulter, aber seine Augen sind ernst. Der gute, alte Jordan. Es gibt noch so einen Kollegen in dem Laden. Der heißt Sergiu und ist Rumäne. Wir gehen also nach Feierabend noch was trinken. Es wird ein wüstes Gelage und wir kriechen erst am Morgen wieder aus der Kneipe. Plötzlich versperren uns drei junge, durchtrainierte Typen den Weg. Sie sind offenbar fickrig. Ich spüre, wie das Adrenalin kommt und bin froh, dass meine Balkan-Jungs bei mir sind.

„Hast du Arschloch zu mir gesagt?“, fragt mich der Anführer hasserfüllt. Dass diese Burschen sich auch immer so ernst nehmen müssen.
„Was hab ich gesagt?“, frag ich.
„Arschloch.“
Ich hab’s noch nicht begriffen.
„Häh?“, frag ich.
„Arschloch.“
„Wer, du?“

"Wenn du hast einen Feind in Berlin, ich mache ihn weg."

Darauf hat er gewartet und gibt mir einen schlecht gezielten Schwinger. Ich wanke ein Stück zurück und will grade selbst ausholen, da bricht ein Wirbelsturm um mich los. Ich sehe nur Jordan mit ausgestrecktem Bein durch die Luft fliegen und punktgenau im Bauch des nächstbesten Typen landen. Sergiu schnappt sich einen anderen und malträtiert ihn grinsend mit so schnellen Schlägen, dass seine Fäuste kaum zu erkennen sind. Das ganze dauert nur drei Sekunden, dann wollen die Trottel schon das Weite suchen.
„Peace, peace“, wimmert der Anführer und hebt abwehrend die Hände. Von wegen Peace. Ich kann mir schon vorstellen, wie die mich zugerichtet hätten, wenn ich allein gewesen wäre. Auf einmal hat Jordan ein Messer in der Hand und schnappt sich den Kunden.

„Peace, sagst du? Du Arschloch, haha. Du hast meinen Clint geschlagen. Jetzt ich schneide dich. Kriegst du drei schöne Narben. Clint-Narben, haha!“
Ich schaue fasziniert zu, unfähig einzugreifen. Jordan ist Teil einer fremden, dunklen Welt. Er lacht und setzt das Messer an und hat ein irres Glitzern in den Augen. Es braucht Sergiu, um ihn aufzuhalten. Er geht dazwischen und nimmt das Messer an sich. Jordan kommt hoch und sieht kurz aus, wie ein Raubtier vor dem Sprung. Dann lacht er wieder und wir gehen heim.
Seit Jordan mein Freund ist, muss ich mich vor nichts mehr fürchten. Außer vielleicht vor Jordan.

„CLINT GEHT UNTER MENSCHEN – Eine misanthropische Seifenoper“ erscheint jeden zweiten Donnerstag bei BERLINMUSIV.TV

Kurzmeldungen

Die wundervolle Banks veröffentlicht mit "Crowded Places" einen neuen Song.

Egotronic raven wieder gegen Deutschland und sind mit ihrem Anti-Rassismus-Song relevanter denn je.

Lasst alles stehen und liegen. Fleet Foxes sind wieder da.

Es ist wieder Zeit für neue Musik des Elektro-Swing-Pioniers Parov Stelar.

Die Kritikerlieblinge veröffentlichten am Abend des 19.01.17 einen neuen Song mit dem Namen "I Give You Power" und klingen dabei gewohnt ungewohnt. Die Band vereint funkige Rhythmen mit elektronischen Sounds, dazu kommt der soulige Gastgesang von Grammypreisträgerin und Soulsängerin Mavis Staples.

Bevor am 27.01.17 das neue Album "Life Without Sound" von Cloud Nothings erscheint, veröffentlicht die Band mit "Enter Entirely" noch einen letzten Vorgeschmack via Soundcloud. "Enter Entirely" ist deutlich härter als die beiden Vorgänger und schraubt die Erwartungshaltung an die neue Platte noch...

In ihrem neuen Video geben Cloud Nothings wertvolle Tipps zur Alltagsgestaltung. Natürlich in üblicher Weirdness. "Internal World" ist die zweite Single aus dem am 27.01.17 erscheinenden Album "Life Without Sound".

Das talentierte Allround-Talent Sinan Mercenk trifft mit seiner Berlin-Hommage im Electronica-Stil den Nerv der Zeit und verankert unseren Songtext im Clubgeschehen der Stadt. Lässige Ambient-Beats strukturieren das minimalistische Arrangement, während der tiefe Bass von Sinan Mercenk den...

The XX stellen einen neuen Song vom dritten Album "I See You" vor.

Pünktlich zum Jahresbeginn gibt es schon die ersten tollen Neuigkeiten: London Grammar haben einen neuen Song veröffentlicht.