Koks und Nutten in Prenzlberg | Clint geht unter Menschen

Unser Autor Clint war im Puff, um seine romantische Ader zu ergründen...

Ich bin mal wieder im Puff. Bei einer Dicken diesmal. Sie hat weiche, schwarze Haare. Und wieder mal klappt es nicht mit dem Ficken. Sowas hab ich erwartet und mir deshalb die Lustigste von den vieren ausgesucht. Sie nimmt es auch riesig nett auf und lacht.
„Nennst du dich eigentlich Sexarbeiterin?“, frag ich.
„Como?“
„Oder Escort? Wie sagt man denn jetzt dazu?“
Sie zuckt mit den Schultern und geht aus dem Zimmer, kommt kurz danach wieder und hat sich meine Hose wie eine Schlange um den Hals gelegt. Jetzt macht sie einen Bauchtanz und grinst und lässt ihre enormen Brüste und Speckrollen wippen.
„Prima“, sag ich.
„Te gusta?“
„Mach nur weiter.“

Sie geht auf und ab und schlenkert ihre Haare und dann wirbelt sie meine Hose durch die Luft, dass mein Geldbeutel und die Schlüssel in den Winkeln des Zimmers verteilt werden. Durch einen Spalt im Rollladen seh ich, dass es draußen schon hell ist.
„Ich bin müde“, sag ich.
„Que?“
Ich gähne und strecke mich. Sie nimmt meine Hand und führt mich in ein anderes Zimmer. Drei Sofas stehen u-förmig an den Wänden und überall liegen Eisteeflaschen und Illustrierte herum. Im Fernsehen läuft eine Dauerwerbesendung.
„Wohnst du hier?“, frag ich.
Statt einer Antwort schubst sie mich auf eines der Sofas. Legt sich neben mich und beginnt zu zappen. Nach einer Weile kommen ihre Kolleginnen und haben eine Flasche Sekt dabei.

„Feierabend“, ruft die Älteste, Letitia, soweit ich weiß. „He, was macht der denn hier?“
„Ich bin Regisseur“, sag ich.
„Wirklich? Bist du berühmt?“
„Nur in Funk und Fernsehen.“
„Wir waren gerade bei so einem reichen Russenarsch. Der war auch berühmt. Wollte, dass wir uns gegenseitig lecken. Sonst nix. Hat nur blöd daneben gesessen. Magst du auch so’ne Sachen?“
„Weiß nicht. Zeig doch mal.“
„Nö, wir trinken jetzt. Und dann gehen wir shoppen.“

Ich nehm ihr die Flasche ab und lasse den Korken knallen. Dann reichen wir sie rum und als die Dicke zu hastig trinkt und ihr der Schaum aus der Nase spritzt, fangen wir alle an zu lachen. Plötzlich steht die Puffmutter in der Tür, das alte Schlachtschiff.
„Ich glaub’s ja nicht“, keift sie. „Der Kerl verschwindet, aber sofort!“
„Ach, Jolanta, sei doch nicht so“, sag ich. „Ich bezahl ja dafür.“
„Raus, hab ich gesagt!“
Sie knallt die Tür und man hört sie draußen davon stampfen. Letitia steht auf.
„Kommt Mädels, wir gehen alle zusammen.“
„Genau“, ruf ich. „Nehmt euch ’ne Prise Koks!“
Sie klatschen freudig in die Hände. Dann gehen wir das kurze Stück zu den Schönhauser Allee Arcaden. Die vier sind alle geschminkt und braungebrannt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr auch privat so nuttig angezogen seid“, sag ich.
„Besser als deine Lumpen, du Hungerkünstler“, meint Letitia.
„Von wegen Lumpen. Das sind doch sehr schöne Sachen, nein?“
„Schön scheiße vielleicht. Am besten du kaufst dir auch gleich was Ordentliches.“
Also gehen wir zu C&A und ich stell mich in eine der Kabinen und die Girls bringen mir allerhand Anziehsachen.
„Hört mal“, ruf ich. „Ich will doch nicht zu’ner Castingshow.“
„Zeig mal her.“
Ich ziehe den Vorhang zurück und da sitzen sie im Halbkreis und beäugen mich prüfend.
„Dreh dich mal um.“
Ich dreh mich mal um.
„Ist todschick“, meint Letitia.
„Ich seh aus wie’n Zuhälter.“
„Und, bist du das nicht?“
„Hm, vielleicht gar keine schlechte Idee.“

Bei H&M machen wir es genau umgekehrt. Ich sitze draußen und die Mädels ziehen sich um und drehen sich vor mir im Kreis.
„Vielleicht n’bisschen eng“, sag ich.
„Ach, du hast ja keine Ahnung.“
„Stimmt.“
Gerade als sie mal wieder alle hinter den Vorhängen zugange sind, steht plötzlich meine Ex neben mir. Die, der ich erzählt habe, dass ich mal eine Weile allein sein muss.
„Hey“, sagt sie.
„Ach, schau mal an.“
„Was machst’n du hier? Ich dachte, du magst keine Kleiderläden.“
Dabei schaut sie herum, mit wem ich wohl da bin.
„Recherche, weißt du. Alles Recherche.“
„Olé“, ruft die Dicke und zieht den Vorhang zurück und hat etwas sehr Kleines an, beziehungsweise nur Unterwäsche.

„Soso“, sagt die Ex. „Alles Recherche, ja?“
„Ja, ich sag ja. Studienhalber. Alles rein studienhalber.“
„Zu mir hast du gesagt, du machst keine Studien.“
„Wie bitte?“
„Du hast gesagt, du schreibst über das Leben, wie es kommt. Und dass nur Idioten Studien machen, weil es verlogen ist und das Ergebnis beeinflusst.“
„Sowas soll ich gesagt haben?“
In dem Moment geht ein anderer Vorhang auf.
„So, Herr Regisseur“, meint Letitia. „Ist Ihnen das auch zu eng? Oh.“
Sie verschwindet wieder.

„Herr Regisseur“, sagt die Ex. „Lässt du dich jetzt so anreden?“
„Nur von meinen Schauspielern.“
„Sind das etwa Schauspielerinnen?“
„Klar. Wir machen Kostümprobe.“
Dann geht auch die letzte Kabine auf, die sich die beiden anderen Ladies teilen.
„Kuck mal, Papa. Partnerlook. Wenn du jetzt unser Zuhälter bist, musst du aber auch-… Huch, wer ist die denn?“
Der Vorhang geht zu und die Ex springt auf.
„Ich hab’s gewusst!“, ruft sie. „Ich hab gewusst, dass du wieder in den Puff gehst.“
„Ich muss halt auch meine Dämonen bekämpfen.“
„Was für’n Quatsch?“
„Na, weil ich so romantisch bin.“
„Du und romantisch? Dass ich nicht lache!“
„Etwa nicht?“ Hoffnung keimt in mir auf.
„Du bist die schwulste Sau, die mir je begegnet ist!“
Das hilft mir jetzt auch nicht weiter.

Zurück im Puff will ich wieder mit hochkommen, aber Jolanta gibt mir einen Stoß vor die Brust und knallt die Tür zu. Auf der Straße höre ich dann jemanden meinen Namen rufen und schaue nach oben. Da hängen vier Köpfe am Fenster.
„Kommst du mal wieder vorbei?“, fragen sie.
„Muss erstmal Geld sparen. So teuer mit euch. Und Jolanta muss den Löffel abgeben.“
„Die kriegt sich schon wieder ein. Es sei denn, wir brennen mit dir durch.“
„Wohin denn?“
„Nach Spandau!“
„Mal sehen.“
Ich geh nach Hause und die Frauen winken mir, bis ich drüben in der Choriner Straße um die Ecke gebogen bin. Hundertzwanzig Euro fürs Nichtficken mit Küssen. Und nochmal hundert fürs Koks. Hat irgendjemand eine bessere Idee, wie man sein Geld ausgeben soll? Na, also.

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