DIY – Es gibt nichts Gutes, außer man tut es
17. Januar 2011 - Rock | MetalWenn du auch gern das Shirt des krassen Hardcore Typen·in der U-Bahn·neben dir haben möchtest, such es gar nicht erst bei irgendeiner großen Ladenkette. Mach dir lieber selbst eins! Oder kauf's bei der Band von nebenan.
Das Do-It-Yourself-Prinzip (DIY) beschreibt in unterschiedlichen Bereichen eine alternative Kulturproduktion. Dieses Prinzip, welches bereits in der Punk Szene der Siebzigerjahre aufkam, bezieht sich stark auf die „More Than Music“-Philosophie im Hardcore.
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Im Mittelpunkt steht dabei die Produktion von kulturellen Objekten rund um die Musik und eine gleichzeitige Abwendung vom kommerziellen Musikbusiness. Diese alternativen Strukturen stellen sich gegen eine Kulturindustrie, die Underground-Trends auf den Grabbeltischen der Kaufhäuser verenden lässt. Ein Selbermachen soll also die Gegenposition zur institutionalisierten Geschäftswelt einnehmen.
Grundlegend für DIY im Hardcore ist, dass auf diese Weise Musik von äußeren Einflüssen und kommerziellem Druck fast unabhängig entstehen kann.
Die alternative Geschäftspraxis wirkt in der Hardcore Szene in unterschiedlichen soziokulturellen und ökonomischen Bereichen, die Musik als gemeinsamen Nenner haben: Konzertorganisation, Herstellen von Merchandise-Artikeln, Gründen von Verlagen, Vertrieb und Verkauf von Tonträgern, Produktion von Fanzines und natürlich das Musikmachen selbst.
Konzerte
In der Praxis kann das DIY-Prinzip bedeuten, dass Shows an Orten statt finden, die frei von fremdbestimmten Organisatoren sind, wie autonome Zentren, besetzte Häuser oder Clubs mit alternativer Laden-Politik. Da die Begeisterung für die gebuchten Bands und nicht der kommerzielle Erfolg im Vordergrund stehen soll, sind die Konzert-Initiatoren meist auch zuständig für Aufgaben, wie das Gestalten und Verteilen von Flyern und das Plakatieren vor den Konzerten, als auch Schichten an der Kasse oder der Theke während der Konzerte. Darüberhinaus funktionieren die Shows oft als eine Art alternativer Marktplatz für Tonträger, Band-Shirts oder auch Fanzines.
Fanzines
Die Wortschöpfung aus „Fan“ und „Magazine“ begegnet einem in Form von kleinen kopierten Heften, mit meist wüstem und zusammengeschnippeltem Layouts bei Konzerten oder Volxküchen. Diese charmant unprofessionellen Publikationen erscheinen von Fans für Fans, in beliebiger Optik und werden selbstvertrieben. Sie kommen unregelmäßig und in kleinen Auflagen heraus und stellen so einen bewussten Kontrast zu den Hochglanz-Magazinen dar. Alle, die keine Vorstellung haben, wovon die Rede ist, sind wahrscheinlich durch das recht enge Raster der Fanzine Leser gerutscht, den diese handgemachten Heftchen sind nur schwer zu bekommen. Inhaltlich grenzen sich Fanzines ebenfalls stark von den trendgeprägten Mainstream-Musikmagazinen ab. Grob wird es in einem Hardcore Fanzine immer um Themen aus der Szene gehen, aber dies kann auch über die Musik hinaus gehen, bis hin zu sehr persönlichen Veröffentlichungen, wie Egozines. Oft diskutiert ist dabei natürlich das Größenverhältnis der Publikation und so werden große Fanzines mit Vorwürfen konfrontiert, wenn sie oberhalb der kommerziellen Strichkode-Grenze liegen. Nach dem Motto: Mach Profit und es ist kein echtes Fanzine mehr.
Eines der bekanntesten Fanzines changiert wohl auf diesem schmalen Grad zwischen Fan- und Magazin, da das seit 20 Jahren erscheinende „Ox Fanzine“ einen sehr professionellen Print- und Internetauftritt hat und sowohl als Abo, als auch an zahlreichen Bahnhöfen deutschlandweit erworben werden kann.
Der „Wahrschauer“ aus Berlin, obwohl Fanzine-Charme, nennt sich „Magazin für Gegenkultur“ und behauptet sich auch bereits seit 1988.
Zugenommen hat in jedem Fall die online Präsenz von Fanzines, die wenn auch ohne Schere und Kleber, ja ebenfalls selbstgemacht sein können. Homepages wie „Allschool Networks“ verweisen dabei nicht auf ein Printmagazin, sondern funktionieren ausschließlich als Webzine.
Labels
Ein dritter Bereich, der in der Hardcore Szene mit DIY zu tun hat, sind die Labels. In Abgrenzung zu den Majors haben diese oft einen lokalen Bezug und somit auch den Sound einer bestimmten Stadt. Genau wie bei Konzerten und Fanzines werden hier bestimmte Strukturen abgelehnt, die im „Business“ eigentlich üblich sind. Bei diesen kleinen Labels bleiben meist alle Bereiche eng zusammen, es gibt keine externen PR-Agenturen und kein Marketing über Mainstream-Kanäle, die Tonträger werden via Mailorder, auf Konzerten oder direkt an Plattenläden vertrieben. Records wie „Coretex“, „Attack“, „Yellow Dog“ oder „Superhero“ funktionieren deshalb heute in Berlin als beliebte Schnittstelle zwischen Fans und Bands.
DIY 2.0
Während DIY früher hieß, dass in WG’s und Kellerräumen gedruckt, geschnippelt und gesiebdruckt wurde, ist dieses Bild inzwischen abgelöst von Selbermachern, die vor Computern sitzen. Dabei führt eine gepflegte Internet-Präsenz dazu, dass sich zumindest optisch, keine großen Unterscheide mehr ausmachen lassen zwischen großkapitalistisch und selbstgebaut, da vom kleinsten Blogger bis zum größten Label die selben Kanäle genutzt werden. Und so scheint online eine zentrale Idee des DIY-Prinzips leichter denn je umsetzbar: werde vom Konsumenten zum Produzenten. In seiner tendenziell demokratischen Form besteht im Internet die Möglichkeit ein gänzlich anderes Kulturverständnis zu schaffen, was die Hierarchisierung zwischen Kulturschaffenden und Kulturkonsumierenden zu verwischen beginnt. Bereits in den 1930er hatten große Männer, wie Bertold Brecht oder Walter Benjamin die Idee, dass nicht der Inhalt die Revolution ist, sondern die Veränderung des Mediums, also der Form wie der Inhalt vermittelt wird. Diese Medientheorien lassen sich exakt auf die Idee hinter DIY übertragen, wo jede Band, die anti-kommerzielle Songs schreibt, diese aber bei einem Major Label veröffentlicht schnell ihre Glaubwürdigkeit verliert. Und ist man dagegen in der Lage sich eine Myspace-Seite einzurichten, kann eine Band ohne großes Budget von Fotos, über Kontakt zu den Fans, veröffentlichen der ersten Songs, bis hin zum Versand von Tonträgern alles autonom gestalten.
Fragt sich nur, wie viele Bands an ihrem kleinen Label und den hübschen Fanzine Interviews festhalten, wenn dann doch mal ein Major-Label anklopft. Diese Grundsätzliche Frage nach der Überzeugung schwingt in jedem Bereich der DIY-Praxis mit, aber zum Glück sind heimliche Träume vom großen Durchbruch nicht strafbar.
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