Yma – Revue statt Revo-Demo

16. Mai 2011 - Magazin
Verfasser: Marcel Weigel

Wie schafft man es als linksorientierter, allerdings gewaltablehnender Student einen ruhigen 1. Mai zu verbringen? Ganz einfach, man geht in den Friedrichstadtpalast und genießt eine überragende Revue
von Marcel Weigel

 


Da es sich dabei auch noch um die Geburtstagsfeier meiner Mutter handelte, versprach ich ihr, auf schwarzen Nagellack, Nietenarmbänder und –gürtel und Metalcore-Bandshirts zu verzichten. Gut, dass meine Haare so sind wie sie sind, dachte ich mir und um dennoch irgendwie ich und damit anders als der Rest zu sein, entschloss ich mich morgens vor dem Spiegel dazu, zu meinen Nadelstreifenhemd auch noch einen lilafarbenen Schlips anzuziehen. Cool! 

Also, auf geht’s, samt Umhängetasche der HU und schwarzer Kapuzenjacke, allerdings ohne Lederhandschuhe, Schlauch oder Palituch. Bereit, einen anderen 1. Mai zu erleben.

 

Das Publikum tobte 

Einige Stunden später, um 20 Uhr 30 - die „Revolutionäre 1.Mai“ – Demo dürfte mittlerweile unterwegs sein - klatscht das Publikum stehend Applaus. Jeder einzelne Revuedarsteller wird einzeln gefeiert. Sogar die Revueband, die einen hervorragenden Job machte, darf sich den verdienten Applaus abholen. Dabei fand ich es sehr schön, dass der Name jedes Einzelnen im Hintergrund an die Leinwände projiziert wurde, sodass es nicht das typische unpersönliche Klatschen aus Anstand war, sondern das ganze in eine persönlichere Ebene gehoben wurde. Ja man hatte fast das Gefühl seine Lieblinge zu kennen. Hat man doch nicht nur jeden Schritt während der Show verfolgt, nein, man kannte auch noch ihre Namen. Eine sehr schöne Geste wie ich finde. Und eine sinnvolle Nutzung der technischen Möglichkeiten.


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 Foto: Stephan Gustavus 


Yma – eine sympathische… ja was eigentlich?


Durch das Programm geleitet wurde der Rezipient, sinnbildlich für den roten Faden der Revue,  von der bezaubernden Yma. Eine blonde, hübsche, ganz in einem sinnlich roten Kleid verpackte, junge Dame. Bezaubernd, charmant und voll von Weisheiten was das Thema Liebe betrifft. Als sie allerdings den Mund öffnete, wirkte sie plötzlich gar nicht mehr so feminin – zu tief war ihre Stimme. 

 

Der überragende Jörn Felix Alt schaffte es, nachdem die erste Verwirrung verflogen war, dass neben allgemeinen Staunen der Zuschauer auch der ein oder andere Schmunzler im Zuschauerraum erkennbar war. Zu grotesk schien die Situation, zu unterschwellig witzig waren seine Kommentare, zu sehr erkannte man sich in seinen Anekdoten wieder, als dass man wirklich ernst bleiben konnte. Außerdem gibt er dem ganzen Programm eine Story, die jedoch für ausländisches Publikum nicht ersichtlich wird. Und dass, obwohl die Show als international angepriesen wird.


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Foto: Stephan Gustavus
 


Musik im Zeichen der Liebe
 

Nahezu alle aufgeführten Lieder handelten im Grunde vom Thema Liebe. Sei es in der Wirkung der Musik begründet, durch schauspielerische Leistungen erzeugt oder in den Texten explizit angesprochen. Doch wer jetzt denkt, dass es sich um ein langweiliges Liebesdrama im Gewandt einer Revue handelte, der täuscht sich.

So wurde das Thema Liebe in allen möglichen Facetten erörtert, vom verliebt sein über das Zelebrieren der Partnerschaft, samt Sehnsuchtsmomenten und gelebten Vertrauen. Vor allem in der Hochseilnummer vom Duo Israfilov, bis hin zur sexuellen Auslegung des Liebemachens, auch ohne Liebe und dafür mit viel Spaß im überzeugten Singledasein.

Dabei überzeugte die Band jederzeit mit poppigen Interpretationen von  lateinamerikanischen Tänzen, gefühlvollen Balladen, anspruchsvoller E-Musik durchsetzt von Gitarre, Bass und Keyboard. Immer wieder aufgelockert wurde das Programm durch eindrucksvoll musikalisch inszenierte Popnummern wie zum Beispiel „Lady Marmelade“. 

 

Stunden der physikalischen Gesetzlosigkeit 

Was die Artisten und Tänzer zu den klangtechnisch einwandfreien Arrangements darboten, ließ einen teilweise an den Gesetzmäßigkeiten der Physik zweifeln. Neben grandios choreographierten Tänzen, Wasserspielen und Stepptanz-Einlagen auf kleinen motorisierten Podesten, beeindruckte das „Flying Steps“ – Team das Publikum mit futuristischem Breakdance-Moves.

Am meisten im Gedächtnis bleiben aber wohl die Damen, welche an den von den Decken hängenden Tüchern kletterten, kopfüber Figuren drehten und sich rasend schnell zu Boden stürzten. Und natürlich die Trampolin Artisten. Während im hinteren Teil der Bühne ein überlebensgroßes DJ-Pult samt PA-Anlage aufgefahren wurde, sprangen die Artisten kreuz und quer über die Bühne. Teilweise bis zu vier Darsteller gleichzeitig. Als großes Finale schließlich sprangen sie auf dem DJ-Mischpult herum, hoch und runter, machten den Superman und liefen knapp 3m an der Wand entlang – nach oben wohl gemerkt. 


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Foto: Stephan Gustavus 

 


Der eigentliche Hingucker…

… war, trotz all der Sensationen, bunten Outfits, hübschen Frauen und Männer allerdings nicht das Geschehen auf der Bühne, sondern die Konzeption drum herum. So fiel auf, dass es keinerlei Probleme mit dem Sound gab, obwohl unsere Plätze doch ziemlich weit rechts angesiedelt waren. Also klangtechnisch eher suboptimal. Die Tontechniker mussten sich einiges einfallen lassen, um Übersprecheffekt auf Grund der geringen vorhanden Fläche zu verhindern. So spielten viele Meter über der Bühne unter der Decke nur der Schlagzeuger, der Keyboarder, der Gitarrist und der Bassist, unterstützt vom Dirigenten. Dabei mussten der Schlagzeuger und der Keyboarder in durch Plexiglas abgetrennten Kammern saßen. Die Streicher saßen dagegen in einem extra Raum. Damit die Band dennoch im Takt musizieren konnte, wurde der Dirigent gefilmt und auf Bildschirmen in den beiden Räumen sowie am Mischpult übertragen. 

Die Revue YMA ist äußerst beeindruckend und mehr als interessant. Es wurde nicht an Spezialeffekten gespart, die Kostüme waren ausgefallen, Schmuck und Bühnendekoration glitzerten, die Bühne strahlten in den unterschiedlichsten angenehmen Farben und die typische Multifunktionsbühne des Friedrichstadtpalastes wurde ausgiebig genutzt. Der einzige Kritikpunkt ist, dass auch in dieser Revue nicht auf Nacktheit verzichtet werden konnte und so bei einem der Stücke die Darstellerin nur mit Slip bekleidet über die Bühne rannte, hüpfte, sprang. Nun kann man es als besonders expressionistische Ausdrucksart interpretieren, meine Sache ist dieser Trend aber nicht, doch vielleicht bin ich künstlerisch gesehen auch einfach nur zu konservativ.


http://www.show-palace.eu/ 



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