DJ Shadow hören – 15 Jahre Endtroducing... Best Foot Forward

16. Januar 2012 - Electronic
Verfasser: Florian Zapf

bob...wap waop...bob wood national program director of the chum group worked with us in producing...
Neulich stolperte ich bei Arnold Schönberg über die beiden folgenden Sätze: „Um einen Kunsteindruck empfangen zu können, muß die eigene Phantasie schöpferisch mitwirken […]. Nur die Wärme, die man selbst abzugeben imstande ist, gibt das Kunstwerk, und schließlich ist eigentlich fast jeder Kunsteindruck ein von der Phantasie des Zuhörers Geschaffenes.“ Ich finde diese, auf Oscar Wilde zurückzuführende, Überlegung bemerkenswert, insofern, da sie den Hörer eines Musikstücks in eine Position der bewussten und aktiven Auseinandersetzung mit dem, was das Musikstück als Kunstwerk zu kommunizieren vermag, bringt.

Aufgrund der heutzutage weitflächigen Verbreitung von Musik, sind wir ihr in unserer Rolle als Hörer ständig ausgesetzt. Ihre massive Präsenz in unserem Leben bedingt aber auch einen damit einhergehenden inflationären Verlust ihrer Wertigkeit. Musik erfährt von Seiten des Zuhörers eine mehr und mehr verkümmernde Wertschätzung. Das mag zuerst paradox klingen, doch wirft man einen Blick auf das jüngere musikalische Geschehen in der Popmusik, so ist es in der Regel nicht mehr die Musik als solche, die beim Hörer einen tiefer gehenden Eindruck hinterlässt, sondern die an sie gekoppelten außermusikalischen, medial kolportierten „Skandale“.

Worüber weiß der durchschnittliche Hörer von Musik aus dem Stand heraus mehr zu berichten? Über das musikalische Œuvre einer Amy Winehouse (während ihrer kurzen Karriere veröffentlichte sie immerhin zwei sehr unterschiedliche Alben, dennoch wird sie als Künstlerin zumeist auf den Song „Rehab“ reduziert) oder über ihre skandalumwitterten, von der Yellow Press akribisch dokumentierten, menschlichen Entgleisungen (Well, at least they tried to make her go to rehab..)?

Was ist bei dem Durchschnittskonsumenten von Musik auf direkterem Weg abrufbar? Björks – durchaus respektables – musikalisches Schaffen oder das durch alle Lifestylemagazine gegangene und dort stetig wiederkehrende Bild ihres Auftritts bei der 2000er Oscarpreisverleihung in diesem unsagbar trashig und äußerst merkwürdig anmutenden Schwanenkleid? Ist besagter Durchschnittskonsument überhaupt in der Lage dazu, einen musikalischen Eindruck von ihr abzurufen, egal wie klein er auch sein mag?

alt

you're fessin' man...I don't even wanna hear about it...you're just fessin'

Aber genau das ist ja ein Teil jener spezifischen Eigenheiten, die den Mikrokosmos Pop ausmachen und das ist großartig, weil es zum Beispiel einer Lady Gaga die unerwartete wie ungeahnte Möglichkeit eröffnet an einem Album mit Jazzstandards zu arbeiten oder - Wer weiß es schon? - in Zukunft vielleicht eine Oper von Wagner als spektakuläres Travestie-Musical zu inszenieren. Solange Lady Gaga im Rahmen der Präsentation ihres neuen Meisterwerks mit einem schockierenden Element aufzuwarten weiß, ist ihr der am Zuspruch der Massen gemessene Erfolg sicherlich gewiss.

Es soll daher auch nicht mein Anliegen sein hier die Eigenheiten des Mikrokosmos Pop zur Disposition zu stellen. Das wäre einerseits anmaßend, andererseits ein sinnloses Unterfangen und, wie gesagt, ich finde Pop großartig. In dem eingangs von mir angeführten Zitat beschreibt Schönberg eine elementare Vorstufe, die unumgänglich ist, um als Musikhörer ein kritisches Urteil ausbilden zu können. Dies geschieht, indem der Hörer einen persönlichen, wenn nicht gar leidenschaftlichen Bezug zur Musik an sich herstellt.

Mir stellt sich nun die Frage, ob auch die Popmusik, die ich guten Herzens ebenfalls in die Sphäre der Kunst erheben würde, der, von der Musikindustrie durchaus kalkulierten, Passivität des Zuhörers etwas entgegensetzen kann und dazu imstande ist, ihn anzuregen, die eigene Phantasie schöpferisch einzusetzen.

hold up, hold up, before we get started...guess who's coming...dj shadow...just your favourite dj savior...

Vor fünfzehn Jahren, im Jahr 1996, veröffentlichte der bis dahin nur einem kleineren Kreis von Musikhörern bekannte Kalifornier Josh Davis unter seinem Künstler-Alias DJ Shadow sein Debütalbum Endtroducing... Damit sollte er - wie nur wenige Jahre zuvor der aus Staten Island, New York stammende Wu-Tang Clan seinerseits an der Ostküste - die Geschichte der Popmusik im Allgemeinen, insbesondere aber die des Hip-Hop im Einzelnen, zwar nicht unbedingt revolutionieren, aber dennoch entscheidend mitprägen. Warum? Auf der einen Seite, weil sein Album sich heute in allen möglichen Bestenlisten, wie beispielsweise der „All-Time 100 Albums“ des amerikanischen Time Magazine, wiederfinden lässt. Auch hält es einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde für das erste rein aus Samples bestehende Album. Auf der anderen Seite, weil er es ist, der sich rühmen darf, die Grenzen des Hip-Hop erweitert und damit der Stilistik einer experimentellen, instrumentalen Hip-Hop-Musik fernab des Sprechgesangs einen eigenen Raum verschafft sowie das Sampling endgültig als Kunstform etabliert zu haben.

Changeling from listening to records i just knew what to do...I mainly taught myself...and, you know, i did pretty well...except there were a few mistakes but, um, that i made, uh, that i've just recently cleared up...

DJ Shadow gehört einer Generation von Leuten an, die sich - wie so trefflich in „Scratch!“, dem Dokumentarfilm über die DJ-Kultur im Hip-Hop schlechthin, angeführt wird - nach dem Auflegen einer Platte nicht vom Plattenspieler ab-, sondern sich ihm zugewendet haben und ihn auf kreative Weise als Musikinstrument zu manipulieren wussten.

Einhergehend mit der wiederaufgeblühten Vinylkultur war das Crate Digging. Darunter versteht man das Durchforsten von Plattenkisten nach musikalischem Material, zumeist Brakes, woraus dann mit der Technik des Beat Jugglings Loops als Fundament der Hip-Hop-Songs erstellt werden können. Für viele DJs entwickelte sich daraus ein selbstauferlegtes Credo, nach dem sie ausnahmslos im Kontext des Hip-Hop vorher noch nicht verwendetes Material suchen und benutzen wollten. DJ Shadow gilt bis heute als der „King of Digging“. Seine Sammlung an Vinylplatten ist in etwa mit der Einwohnerzahl einer größeren deutschen Kleinstadt vergleichbar, wenn nicht gar größer.

Mit Endtroducing... hat er bewiesen, dass ein DJ nicht nur kunstvoll Platten drehen, sondern auch ein eigenständiger Künstler sein kann. Auf dem Album erschafft er mit rund tausend(!) artistisch übereinander gelegten Samples, die er aus allen möglichen Bereichen der Musikgeschichte(!) zusammengetragen hat, und unter heutzutage für uns spartanisch erscheinenden Produktionsbedingungen, nämlich unter alleiniger Verwendung eines Turntables und dem Akai MPC-60 Sampler, dreizehn Songs – kleine, komplexe Miniaturwelten, die sich weitestgehend der Hip-Hop-Musik zuordnen lassen können, aber durch ihre im Rahmen der Neunziger so noch nicht gehörten klanglichen Vielschichtigkeit sich an den entscheidenden Stellen einer genaueren Zuweisung im letzten Moment doch noch zu entziehen vermögen.

So sind die gut sechzig, recht abwechslungsreichen Minuten auf Endtroducing... ihrem Wesen nach durch die im Hip-Hop übliche starke Orientierung auf den – meist in eher mittlerem Tempo gehaltenen - Breakbeat gekennzeichnet, fließen aber zeitweilig auch in die Gefilde des Drum 'n' Bass über oder verharren gar in Momenten der kontemplativen Zurücknahme und Besinnung.

Klanglich bietet das Album reichhaltige, farbintensive, warme Texturen. Die künstlerische Fertigkeit von DJ Shadow besteht unter anderem darin, die spezifischen Charakteristika aus der Masse an vielfältigen und unterschiedlichen Samples – man möge doch einmal bei Youtube nach den verwendeten Samples nachforschen - nicht nur zu bewahren, vielmehr sie dergestalt anzuordnen und zu verarbeiten, dass dabei ein eigenständiges und doch homogenes Klanggebilde entstehen kann, das den Hörer an die Hand zu nehmen und dazu aufzufordern scheint, ein wenig näher zu treten und somit seine Weiten und Tiefen zu ergründen.

An seinen besten Stellen erreicht es mit, so scheint es mir, fast spielerischer Leichtigkeit die den Zuhörer in sich aufsaugende, ihn fesselnde Intensität eines Filmsoundtracks, so poetisch und bildgewaltig gestaltet sich dieses Album.

What Does Your Soul Look Like?
come talk to me...come on triggy man...come on the camera is rolling...talk to me...who are you?...

DJ Shadow sieht sich selbst in erster Linie mehr als Musikliebhaber, denn als Musiker. In „Scratch!“ wird er mit einer eigenen Szene gewürdigt, in der gezeigt wird, wie er in den Keller eines Plattenladens hinabsteigt, in dem sich unzählige, mitunter bis an die Decke reichende Berge von wild durcheinander gestapelten Vinylplatten finden - eine wahre Schatzkammer.

Zwischen zwei Stapeln hindurch ist das Bild der Kamera auf ihn gerichtet und mit verzücktem Lächeln und in schwärmerischem Ton erklärt er, dass jener Ort sein kleines Nirwana sei. Ein wenig wehmütig reflektiert er, dass dieser Keller vornehmlich Platten beherberge, die einmal für einen kurzen Moment Teil eines Traums und damit von Bedeutung gewesen wären, aber letztendlich in Vergessenheit gerieten. Dieser Umstand erfülle ihn mit einem gewissen Respekt und Achtung, da es ja ebenso wahrscheinlich sei, dass es auch seinen Veröffentlichungen in zehn Jahren so ergehen könne.

In der Person des DJ Shadow findet sich demnach der von Schönberg beschriebene aktiv involvierte Zuhörer, dessen Eindrücke von Musik sich intensivieren, je mehr er seine Phantasie arbeiten lässt. Die Phantasie ist hier sogar die wesentliche Voraussetzung dafür, die gesammelten Eindrücke in ein eigenes Werk transformieren zu können. Sie bildet die Grundlage für eine Vorgehensweise, die DJ Shadow folgendermaßen beschreibt: „Cutting and pasting is the essence of what hip-hop culture is all about for me. It’s about drawing from what’s around you, and subverting it and decontextualizing it, and spitting it out into something that typically represents more of a street mentality or survival feel." So findet sich im Booklet auch die Anmerkung, dass Endtroducing... die Lebenszeit einer Vinylkultur reflektiere; nebst einer peniblen Auflistung ihrer Protagonisten.

alt

DJ Shadow wiederum ermöglicht es demjenigen, der Endtroducing... hört, seinem Beispiel Folge leisten zu können, die eigene Phantasie zu bemühen und sich tatkräftig wie auch eingehend mit dem Album auseinander zu setzen. Dieses – ich mag es direkt als solches bezeichnen – Anliegen posaunt er indessen nicht plakativ heraus, es drückt sich vielmehr in der Beschaffenheit seiner Musik per se aus, wie auch in dem Umstand, dass sich auf dem Album keinerlei im Sprechgesang vorgetragenen Texte finden. Wohl baut DJ Shadow aber zahlreiche Sprachschnipsel in die Songs ein, aus denen sich verschiedene Aussagen des Albums indirekt ableiten lassen und die teilweise so obskur wirken, dass sie die eigene Phantasie beflügeln müssen (it is happening again...it is happening agaaaain...).

Midnight In A Perfect World
and i would like to able to continue...to let what is inside of me...which is...which comes from all the music that i hear...i would like for that to come out...and it's like...it's not really me that's coming...the music's coming through me...

DJ Shadow macht seinem Namen alle Ehre und tritt wie ein Schatten hinter sein Werk zurück, lässt es ganz für sich sprechen. Auf dem Albumcover sucht man ihn vergebens. Die Vorderseite zeigt eine Innenansicht des oben erwähnten Plattenladens mit zwei Fremden, die Plattentische durchwühlen. Die Rückseite zeigt eine weitere Innenansicht des Ladens, nur sticht einem hier sofort eine, zwischen den Plattentischen hockende Katze in die Augen.
Für mich ist der Fall klar: Allerhand vermag dieses Album zu kommunizieren, insbesondere umso intensiver man sich damit beschäftigt und je tiefer man in seine collagierte Welt eintaucht. Beim ersten Hören ist es schon grandios, aber es wächst kontinuierlich mit jedem erneuten Hören. Ganz unprätentiös zieht es den Zuhörer aus der eigenen Passivität.

Nun ist es nur an ihm, seine Antenne weiter darauf auszurichten, weiter mit Endtroducing... auf Tuchfühlung zu gehen und dem Album die Wärme entgegenzubringen, die es ihm von sich aus schon entgegenbringt.
berlinmusic.tv ist ein Projekt der Initiative der Studenten des Forschungszentrums für Populäre Musik der Humboldt Universität Berlin. Dabei handelt es sich um eine Plattform für Musik aus Berlin: Berliner Musiker, Berliner Bands, Projekte und alle von Berlin inspirierten Musikliebhaber. Wir veröffentlichen Interviews, Portraits, Reviews, Veranstaltungstipps von Berliner Musikern und darüber hinaus in Schrift, Bild, Ton und vor allem Videoformaten.










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