Wie die CDU die Clubszene "retten" will.

21. Oktober 2011 - Electronic
Verfasser: Jens Fischer

Es wirkt immer irgendwie drollig, wenn Politiker so etwas sagen wie: "Das spannende und kreative Potential, welches sich in der Berliner Musik- und Clubszene etabliert hat, ist hier, weil die Stadt so spannend ist..."
Der Satz geh natürlich noch weiter: "...und nicht weil der Senat in nennenswerter Weise Unterstützung leistet." Wie recht Herr Christian Goiny, medienpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Berlin, doch hat!

Doch nun soll sich alles mit einer 180° Blutgrätsche, in Fachkreisen Roundhousekick genannt, ändern: Die Vereinigung der Berliner Musiknetzwerke (bestehend aus Clubcomission Berlin, Berlin Music Comission und der Labelcomission) hat im Mai 2011 ein Positionspapier herausgegeben und die Initiative "Musik 2020 Berlin" ausgerufen. Die Agenda 2020 der Berliner Musikunternehmer. Eine feine Sache, die erstmals eine instituierte Lobby der Club- und Labelbetreiber aus dem Boden stampft. In dem Positionspapier (zu finden unter www.musik2020.de) wird alles gefordert, was seit Etablierung populärer Musik verschlafen wurde:


  • populäre Musik und ihre kulturellen Kontexte in all ihren urbanen Facetten als
    Handlungsfeld von konstitutiver Bedeutung für Berlin zu definieren und sie
    umfassend in die politische Strategie für Berlin zu integrieren.
  • populäre Musik als zentrales Element einer nachhaltigen Entwicklung zu
    verstehen, die den Ausbau Berlins zu einer führenden Kultur- und
    Wirtschaftsmetropole vorantreibt.
  • den Stau an Maßnahmen in diesem Politikfeld aufzulösen, die inakzeptable
    Benachteiligung populärer Musik zu beenden und Rahmenbedingungen zu
    gestalten, die der Bedeutung dieses Handlungsfeldes gerecht werden.


Konkreter wird es drei Absätze später:

  • Sicherung und Weiterentwicklung der Infrastruktur,
  • (Er-)Forschung und Entwicklung der ganzen Berliner Musikbranche,
  • (Nachwuchs-)-Förderung der Künstler in ihren Wertschöpfungskontexten,
  • Professionalisierung der agierenden Akteure durch Aus- und Weiterbildung,
  • nationales und internationales Musik-Marketing für den Standort Berlin
  • Lobbyarbeit in den Feldern Politik, Kultur und Wirtschaft

So weit, so gut. Nun kommt aber die Politik, namentlich Christian Goiny ins Spiel. Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen hat er den kulturpolitischen Joker gezogen und dieses Positionspapier auf den Tisch gelatzt. Jedoch pickt sich Christian Goiny einen Punkt raus, der irgendwie am Positionspapier vorbeischießt und es auf den wirtschaftlichen Faktor reduziert (wenn es das nicht bereits selbst übermäßig tut). Er schlägt die Gründung eines neuen Kulturinstruments vor:
"Hierzu schlägt die CDU-Fraktion die Gründung eines Berlin musicboard vor, welches u.a. Musiker, die in Berlin Produktionen realisieren wollen unterstützt, Veranstaltungen und Kongresse fördert und die Clubs in ähnlicher Weise prämiert wie es z.B. das medienboard mit den Programmkinopreisen bewerkstelligt. Die Berliner Musiknetzwerke sollen bei der Erarbeitung der Konzeption und der Gründung des musiboard einbezogen werden."

Im Klartext heißt das: Wenn Lady Gaga oder 50Cent in Berlin produzieren wollen, dann gibt es einen Rabatt oder die Produzenten werden subventioniert. Es wird aktives Marketing für Berliner Studios betrieben. Förderung von Veranstaltungen und Kongressen klingt super und auch die Prämierung von Clubs ist stets auch mit Geldprämien verbunden. Feine Sache. Für Partywütige, die gern noch mehr feiern und noch mehr Glamour herbeisehnen.

Diese Meldung wurde bundesweit in den Medien so kolportiert, dass die CDU die "Berliner Musik Szene fördert". Morgenpost, Stern, RBB, alle anderen auch. Alles stolz auf dem Facebook-Profil von Goiny präsentiert: http://de-de.facebook.com/pages/Christian-Goiny-MdA/140091366077586
Die Morgenpost muss Goinys Initiative sogar mit der Überschrift "Musicboard soll Berlins Clubszene retten" betiteln.
(Übrigens: schon im Juni 2011 hat Künast das Nachtleben als Aufhänger für ihren Wahlkampf genommen, wiederum in der Morgenpost: Künast macht Wahlkampf in der Clubszene)

Doch irgendwie fehlt doch was - ach ja: Die Musiker! Während Produzenten, Clubs, Betreiber und Besitzer, Labels (ja, meistens selbst Musiker, aber immerhin Unternehmer) und Veranstalter unterstützt werden, fehlt im Programm des "musicboards" die Förderung der Leute, die in Berlin Musik machen. Sicherlich erreicht das eventuelle neue Förderprogramm die Musiker und DJs über geförderte Veranstaltungen und bessere Deals mit den Clubs. Außerdem schafft das Jobs im Veranstaltungsbereich, was gut ist.

Eventuell verdrängen Subventionen aber auch lokale Musiker aus den Konzerthallen, weil "internationale Künstler" in die Stadt geholt werden sollen, anstatt die "Berliner Musik Szene" zu "fördern". Man wittert Eliten- und ausschließliche Wirtschaftsförderung. Der enorme ökonomische Impact, den die Musikwirtschaft in Berlin hat, wird auch in dem Positionspapier der BCM, CCM und LCB betont: 1 Milliarde setzt sie p.a. um! Geil. Popmusik=Geld! "Da müssen wir was tun!", denken sich da die Verantwortungsträger. Förderung von Forschung und Geschäftsmodellen rund um Popmusik stehen auch im Fokus - die Wirtschaftlichkeit steht aber ganz weit im Vordergrund. Die kulturelle Verantwortung der Politik und die postitiven Auswirkungen des Musikmachens in jugendlichen Kreisen wird umschifft.

Was wird für die Probehäuser getan? Werden Jugendeinrichtungen für die Ausbildung des kreativen Nachwuchses gefördert? Kann ich mit meiner Band zum hypercoolen "musicboard" stiefeln und mein Konzert fördern lassen? Wird mit bei der Organisation von Touren oder Produktionen geholfen, oder muss ich erst ein internationaler Act werden, um Förderung zu bekommen (schließlich hat man Sie dann am nötigsten)? Wer sorgt sich eigentlich um Berliner Musiker - wer schafft Ihnen eine Lobby?

Die CDU schreibt sich die großangelegte Förderung der Musikszene durch "musicboard" auf die Fahne und strahlt im Sonnenlicht wie der kulturelle Heilsbringer nach jahrelanger Nicht-Beteiligung an der Berliner Regierung. Sie sollte ihre Chance aber auch nutzen und wirklich etwas schaffen und nicht nur ein Bling-Bling-Projekt aus dem Hut zaubern, das nach Außen gut klingt, nach Innen aber viele Chancen verspielt, wirklich etwas Gutes für die "Berliner Musik Szene" zu machen.

Edit: Vielleicht ist den Clubs ja schon mit einem gesenkten Steuersatz von 7% auch für Parties geholfen, dann gibt es nicht mehr so einen Hick-Hack wie der derzeitige um die Rückzahlung jahrelang falsch besteuerter Veranstaltungen. Bei Geld hört die Party auf

Wer sich weiter in der Thematik belesen möchte, der schaue sich die Initiative Musik 2020 Berlin an und die CDU-Seite zum Thema:
www.musik2020.de
CDU-Berlin Seite
Außerdem noch die Senatsseite der elitären Musikförderung, mal so zum Vergleich:
www.berlin.de Musikförderung

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berlinmusic.tv ist ein Projekt der Initiative der Studenten des Forschungszentrums für Populäre Musik der Humboldt Universität Berlin. Dabei handelt es sich um eine Plattform für Musik aus Berlin: Berliner Musiker, Berliner Bands, Projekte und alle von Berlin inspirierten Musikliebhaber. Wir veröffentlichen Interviews, Portraits, Reviews, Veranstaltungstipps von Berliner Musikern und darüber hinaus in Schrift, Bild, Ton und vor allem Videoformaten.










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